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Zum Abschluss eine kulturelle Fusion

  • Was hat es mit der „Türkenkunst“ auf sich?
  • Müssen Kabarettisten mit fremdländischer Herkunft immer Witze über eben ihre Herkunft machen?
  • Wie prägen die zugewanderten Gaardener die Kultur im Stadtteil?
  • Und inwiefern ist das Judentum ein herausragendes Beispiel fürs Wandern als Klammer der Menschheitsgeschichte?

Mit solchen Fragen hat sich der Kultur- und Kreativrat Gaarden dieses Jahr in einer mehrteiligen Veranstaltungsreihe zur migrantischen Kultur beschäftigt.

Auch das Abschlussfest am Freitag, 3. November, im Medusa (Medusastraße 16) bleibt am Thema dran und steht unter dem Motto „Gaarden Fusion“.

Die Idee: Verschiedene Musiker aus verschiedenen Kulturen verbinden sich zu einem Konzert ohne Vorgeschichte, hören aufeinander, lassen sich aufeinander ein und schaffen Neues.

Der Eintritt ist frei.

Text: Martin Geist
Flyerdesign: Gela Schmidt

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Kultur der Multikultur

Nirgendwo treffen in Kiel so viele Kulturen aufeinander wie in in Gaarden. Was bedeutet das eigentlich für die Kultur im Stadtteil?

Kulturschaffende, zumal die von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommenen, sind eher weiß, eher männlich und eher westlich. Also irgendwie so gar nicht Gaarden. Was mit ein Grund dafür ist, dass dieser Stadtteil unterschätzt, verkannt und allenfalls auf seine bei Lichte betrachtet noch nicht einmal besonders ausgeprägte Freilufttrinkerkultur reduziert wird.

Dabei strotzt der Stadtteil gerade so vor Kreativität, ist als Biotop wie geschaffen für (Über-)Lebenskünstler, Unangepasste, Querdenker, Sturköpfe und auch Schöngeister. Letztere müssen sich zugegebenermaßen vielleicht erstmal schütteln, weil dieses Biotop halt ein ganz anderes ist als beispielsweise das der netten alten Mu, wo die Guten unter sich, aber eben auch unter einer sozialen Käseglocke sind.

Akzeptiert einander, und reibt Euch aneinander. Das hingegen ist der Gaarden Style, anstrengender vielleicht, aber bestimmt fruchtbarer als die ganzen Oasen des Immergleichen. Spannend jedoch ist die Frage, wie die Gesellschaft mit diesen Gaarden Style – der im Übrigen der global dominierende sein dürfte – nutzt oder nicht nutzt.

Um die „Kultur der Multikultur“ geht es in diesem Sinne am Dienstag, 11. Juli, um 18 Uhr in der Schlecker-Galerie am Vinetaplatz. Unter Regie des Kultur- und Kreativrats Gaarden diskutieren Kreative aus Gaarden über die Vielfalt der Kulturen im Stadtteil und darüber, ob und wie diese Vielfalt in den offiziellen Kulturbetrieb einfließt. Beleuchtet wird das über die Sprache, die bildende Kunst und auch über die Alltagskultur, die beispielsweise in hohem Maße vom Leben im Freien geprägt ist. Mitdiskutierende Gäste sind ausdrücklich erwünscht.

Flyer gibt es migrantische KulturText: Martin Geist

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Von den Tücken der “Türkenkunst”

Kreative mit ausländischen Wurzeln diskutierten in Gaarden über Herkunft und Kultur

Reyhan Kuyumcu, im Vorstand der Türkischen Gemeinde und auch im Kultur- und Kreativrat Gaarden aktiv, war maßgeblich an der Organisation der Gesprächsrunde beteiligt.

Reyhan Kuyumcu, im Vorstand der Türkischen Gemeinde und auch im Kultur- und Kreativrat Gaarden aktiv, war maßgeblich an der Organisation der Gesprächsrunde beteiligt.

Alle sind irgendwie anders. Erst recht Künstler, deren Individualität quasi ihre Geschäftsgrundlage ist. Fallen aber Kulturschaffende, deren Herkunft nicht in Deutschland begründet liegt, noch einmal in eine besondere Kategorie des Andersseins? Diese Frage stellte der Kultur- und Kreativrat Gaarden in einer Diskussionsrunde mit beachtlichem Unterhaltungswert.

Opernhäuser zu Hochzeitssälen? Kabarettist Mushin Omurca sparte nicht mit Spott.

Opernhäuser zu Hochzeitssälen? Kabarettist Mushin Omurca sparte nicht mit Spott.

Immerhin etwa 40 Interessierte ließen sich von diesem erstmal sperrig anmutenden Beitrag zum Gaardener Kulturfrühling ins Gebäude der Türkischen Gemeinde locken. Und sie bereuten es kaum, denn dröge ging es ganz und gar nicht her. Was wesentlich ein Verdienst des Karikaturisten und Kabarettisten Mushin Omurca war. Zusammen mit Şinasi Dikmen hatte er 1986 in Ulm das Knobi-Bonbon-Kabarett gegründet, das erste deutschsprachige türkische Kabarett überhaupt.

Wobei Betroffenheitskabarett seine Sache nicht ist. So wie überhaupt die Teilnehmer der Diskussion zuweilen ihre Herkunft mit Sprüchen diskutierten, die einem derart redenden „Biodeutschen“ eher übel angelastet worden wären. Von „Türkenkunst“ sprach der Kieler Bildhauer und Maler Tamer Serbay. Und Omurca machte sich über Bemühungen lustig, die Deutsch-Türken als Opernpublikum zu gewinnen. „Das ist Eure letzte Bastion“, spottete er und warnte davor, diese Zielgruppe auf den Geschmack zu bringen: „Sie machen aus Euren Opernhäusern Hochzeitssäle.“

Saz mit anatolischer Seele. Musiker Savas Sari und der bildende Künstler Tamer Serbay.

Saz mit anatolischer Seele. Musiker Savas Sari und der bildende Künstler Tamer Serbay.

Ganz ohne Scherz scheint aber schon was dran zu sein an dem Besonderssein migrantischer Künstler. Türkische Themen aufzugreifen, „das erwartet man von mir“, sagt Omurca und gibt zu, sich „schon irgendwie in eine Sackgasse gedrängt“ zu fühlen.

Tamer Serbay, freischaffender Künstler seit 1982, kennt solche Erwartungshaltungen ebenfalls. Im Prinzip wenigstens, denn persönlich hat er sich stets dagegen verwahrt, für die „Türkenkunst“ vereinnahmt zu werden. Nicht als typisch türkisch soll seine Arbeit gesehen werden, sondern schlicht und einfach als Kunst. Serbay konnte sich durchsetzen und ist froh darüber. „Wenn man den Stempel erst einmal hat, ist man leicht raus“, beschreibt er die letztlich existenzielle Gefahr solcher Kategorisierung.

Moderator Christoph Krieger, Mushin Omurca, Savas Sari, Tamer Serbay und Momen Saweesh (von links) diskutierten über Herkunft und Kultur.

Moderator Christoph Krieger, Mushin Omurca, Savas Sari, Tamer Serbay und Momen Saweesh (von links) diskutierten über Herkunft und Kultur.

Savas Sari, Sozialarbeiter und Musiker, betrachtet sich selbst „höchstens als Hobby-Künstler“. Und ist überzeugt, dass die Herkunft im Ausdruck und in der Wirkung von Kultur eine nicht zu leugnende Rolle spielt. Die Saz zu spielen, hat er einst vom Vater gelernt. Einem Gastarbeiter, wie es damals hieß, der immerzu traurige Lieder aus der Heimat spielte. Am Sohn bleibt es bis heute hängen, dieses „Gefühl von Heimat und Identität“, das in jedem Ton der Saz mitschwingt. So geht es offenbar nicht nur ihm. Wenn er vor Publikum spielt, äußern die Deutschstämmigen fast immer „positive Resonanz“, sagt Sari. „Wirklich berührt sind aber nur die Anatolier.“

Noch einmal anders sieht es für Momen Saweesh aus. Erst vor zwei Jahren ist er aus Syrien geflüchtet, aber er ist jung. Kaum älter als 20, saugt er die Einflüsse auf wie ein Schwamm, macht heute eine „ganz andere Musik“. Mit seiner Oud, der arabischen Version der Saz, will er zwar den Deutschen ein Stück Kultur seiner Heimat vermitteln. Zugleich will er aber das Neue aufnehmen, sich selbst entwickeln. Inzwischen versteht sich der junge Syrer, der mit der „Safar“-Band in Kiel beachtliche Bekanntheit erlangt hat, konsequenterweise eher als Weltmusiker. Bald wohl werden er und seine Mitspieler das erste norddeutsche Volkslied ins Repertoire aufnehmen – nicht nachspielend, sondern kulturell übersetzend selbstredend.

Dirk Hoffmeister vom Kultur- und Kreativrat Gaarden begrüße die Texte.

Dirk Hoffmeister vom Kultur- und Kreativrat Gaarden begrüßte die Texte.

Mushin Omurca hat unterdessen längst seinen Frieden geschlossen mit den türkischen Themen. Der Mann, der immer wieder in Finnland auftritt und das auch schon in Japan tat, betrachtet die Herausforderung des Umgangs mit den irgendwie Anderen ohnehin als universelles Thema. Für ihn ist das Türken-Motiv eben die Klammer, in die er alles hineinpackt, worüber er sich äußern möchte; Liebe, Geld, Glück, Politik. Seine künstlerische Zwischenbilanz formuliert der unter anderem mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnete Kabarettist so: „Ich habe mich nie gefühlt, als ob ich mit meinen Themen in der dritten Liga spielen würde.“

Text und Fotos von Martin Geist

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