Wenn die Heimat in den Koffer passt

Christian Walda führte kenntnisreich durchs Programm.

Christian Walda führte kenntnisreich durchs Programm.

Die Jüdische Gemeinde in Gaarden gestaltete einen bemerkenswerten Abend zur Kultur des Wanderns

Von Martin Geist

Gaarden. In der kleinen Reihe des Kultur- und Kreativrats Gaarden zur migrantischen Kultur hat die Jüdische Gemeinde Kiel und Region am Donnerstag einen Glanzpunkt gesetzt. Kenntnis- und facettenreich gestalteten Mitglieder der Gemeinde und Gäste einen Abend über das Judentum als Inbegriff einer Kultur des Wanderns.

Ein unaufgeregter Blick aufs Thema Migration kann in diesen aufgeregten Zeiten kann sehr wohltuend wirken. Christian Walda, Kunsthistoriker und ehemaliger Leiter des Jüdischen Museums in Rendsburg, leistete in seinen kurzen Erläuterungen zu den einzelnen Themen genau diesen Beitrag. „Dass so viele Menschen den Ort verlassen, an dem sie geboren sind, ist historisch eher die Regel als die Ausnahme“, stellte er fest und nannte eine Reihe von immer gleichen Gründen dafür: Hunger, Elend, Krieg, politische Verfolgung, Deportation. Verklärt ist als Waldas Sicht hingegen die heutzutage wieder wachsende

Sehnsucht nach dem als naturgegeben empfundenen Nationalstaat. Der nämlich sei eine Konstruktion des 18. und 19 Jahrhunderts und seinerseits eher die Ausnahme.

Eine wunderbare kleine Ausstellung zur ewigen Wanderschaft der Juden hatte Tamara Sorina unter dem Motto "Heimat im Koffer" zusammengetragen.

Eine wunderbare kleine Ausstellung zur ewigen Wanderschaft der Juden hatte Tamara Sorina unter dem Motto “Heimat im Koffer” zusammengetragen.

Geradezu elementar ist das Wandern laut Walda fürs Judentum, und zwar von Anbeginn an. Erst war es der Hunger, der dieses Volk trieb, dann die Sklaverei, der die Juden mit einem 40 Jahre währenden Marsch durch die Wüste entflohen, in der Folge jahrhundertelanges Dasein in der Diaspora, verstreut in alle Himmelsrichtungen und immer wieder neu durch vielerlei Vertreibungen zum Wandern gezwungen.

Eindrucksvoll veranschaulichte Tamara Sorina vom Kulturverein „Aschkenas“ dieses Motiv mit einer kleinen Ausstellung zum Thema „Heimat im Koffer“. Fotos zeigten historische Stationen dieser ewigen Wanderschaft, in einem Koffer fanden sich von der Fiedel bis zur Tora jene Gegenstände, die gerade so dort hinein passen, um – wo auch immer – ein Gefühl von Zuhause zu vermitteln.

Viktoria Ladyshenski mit Rogelach und Kuisches, süßem und herzhaften und ganz gewiss koscherem Gebäck.

Viktoria Ladyshenski mit Rogelach und Kuisches, süßem und herzhaften und ganz gewiss koscherem Gebäck.

Munter und heiter und ernst erlebte das sehr zahlreich erschienene Publikum einen Streifzug durch die jüdische Kultur. Evgeny Kosyakin brachte den Gästen die Musik nahe, Norbert Aust die Sprache und Literatur, Walda wiederum widmete sich der Religion und die Jüdische Gemeinde an sich dem Essen.

Gleichsam als roter Faden zog sich durch all diese Beiträge die Erkenntnis, dass die Kultur dieses Volkes ohne Land immer stark von der jeweiligen Umgebung geprägt ist und zugleich einen gemeinsamen Nenner hat. Das ist zuallererst die Religion, aber auch das Essen, das Walda als „zentrales Band des Volkes im Alltagsleben“ betrachtet.

Evgeny Kosyakin brachte dem Publikum die jüdische Musik nahe.

Evgeny Kosyakin brachte dem Publikum die jüdische Musik nahe.

Koscher, also rein zu sein haben die Speisen, und doch sind sie überall anders. Lassen sich die Ostjuden gefüllten Fisch schmecken, so ist es im Süden eben Falafel. So typisch untypisch ist des eben mit der Kultur nicht nur von jüdischer Prägung. „Sogar unsere gut alte deutsche Kartoffel musste erstmal irgendwann einwandern“, merkte Walda wiederum sehr unaufgeregt an.

Norbert Aust las ernste und heitere Texte zur Kultur des Judentums.

Norbert Aust las ernste und heitere Texte zur Kultur des Judentums.

 

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Die Worte in Gewändern

Katharina Kleinfeld stellt in der Galerie K34 aus

Mit Kunst aus Glas ist Katharina Kleinfeld in ganz Deutschland bekannt. Aus sehr familiärem Anlass hat sie sich nun dem beschriebenen Papier zugewandt. Alten Manuskripten ihres verstorbenen Vaters gibt sie in der Galerie K34 Formen. Leicht wirken die, zuweilen schwebend, gerade so, wie es diesem Material gebührt. Doch trotz allen figürlichen Spiels behalten auch die Worte ihren Platz.

„Wortgewand“ hat Katharina Kleinfeld ihre neue Ausstellung genannt. Besser hätte sie es nicht formulieren können, denn die Worte, die ihr im April 2016 verstorbener Vater Herbert Donner in seinem langen Professorenleben aufgeschrieben hat, wurden von seiner Tochter buchstäblich in Gewänder gekleidet. Ein Teil der Worte, um genau zu sein. Donner, der füglich als einer der bedeutendsten Publizisten in der Geschichte der Theologischen Fakultät an der Universität Kiel bezeichnet werden darf, schrieb so viel, dass schon Teile eines einzigen Buches genügen, um damit den zwei Räumen in der Gaardener Galerie eine Prägung zu geben.

Das Werk hat es allerdings in sich. Mehr als 30 Jahre arbeitete der Theologe an dem Standardtitel „Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament“, dessen von ihm herausgegebene 18. Auflage drei Jahre vor seinem Tod erschien. Die Manuskripte blieben erhalten, bis zuletzt mit einer ganz normalen Schreibmaschine verfasste Texte, die mangels hebräischer Textzeichen immer wieder handschriftlich vervollständigt werden mussten.

Katharina Kleinfeld würdigt diesen Nachlass mit ihren künstlerischen Mitteln. Ihre erste Idee war es, eine ganz Textzeile durch den schmalen, schlauchartigen Raum der Galerie mäandern zu lassen, doch das war ihr dann nicht genug. Neue Elemente sind hinzugekommen, betippte Papierstreifen formieren sich zu helixartigen Gebilden oder hangeln filigran und doch bedeutungsschwer in dunklen rechteckigen Kästchen. Im Hinterhofhäuschen der Galerie finden sich größere Arbeiten, darunter auch jene, die der Ausstellung ihren Namen gab: Ein Wortpapierkopf auf einem Sockel oder Korpus, der mit einem wie ein Talar wirkenden Gewand umhüllt ist.

 

Flatterhaft und doch bedeutungsschwer: Worte im Kasten.

Nebenbei lohnen Blicke aufs Kleingedruckte. In einer Arbeit ranken sich die Textschnipsel ums Alphabet, in einer anderen finden sich Wortaneinanderreihungen, die meist nur scheinbar einen Sinn ergeben und manchmal vielleicht doch. Wer möchte schon etwa diesem Satz widersprechen: „Umsonst nimmst du viele Arzneien.“

Katharina Kleinfeld, Wortgewand, Vernissage am Sonnabend, 7. Oktober, 19 Uhr in der Galerie K34, Medusastraße 14. Geöffnet bis zum 8. November mittwochs 15.30 bis 17.30 Uhr und donnerstags von 20 Uhr an.

Text und Fotos: Martin Geist

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Manchmal nass und immer Spaß

Katzheider Kultursommer neigt sich dem Ende entgegen – Kino und Grillen zum Abschluss

Heftige Regengüsse waren treue Begleiter des Katzheider Kultursommers, der nun nach gut zwei Wochen auf die Zielgerade einbiegt. Schäden richtete das Wetter allerdings kaum an, und auch sonst ist die emotionale Wetterlage bei der Kreativaktion überwiegend sonnig.

„Es macht total Spaß“, grinst Beate Ebert, die das aus dem Fördertopf „Kiel gemeinsam gestalten“ finanzierte Projekt zusammen mit ihrem Künstler-Kollegen Detlef Schlagheck leitet. Täglich kommen nach ihren Angaben bis zu 20 kleine und manchmal auch größere Gäste, um sich auf dem Rasen am Rand des Parkplatzes von Katzheide kreativ zu betätigen. Das geht auf ganz unterschiedliche Weise. Wer es ruhiger mag, malt Bilder oder bedruckt Textilien, wer auf rustikalere Betätigung steht, baut zusammen mit Gleichgesinnten ein Haus oder eine Höhle. Sogar ein kleiner Tresen ist entstanden, seit der Kultursommer am 10. August begonnen hat. In Betrieb ist der aber nur, wenn Mittwochabends Freiluftkino auf der selbstverständlich ebenfalls selbstgebastelten Leinwand flimmert.

Etliche Kinder fanden das Angebot sogar so schick, dass sie jeden Tag kamen. Emma und Ida zum Beispiel, die eigentlich in Norwegen wohnen und einen Teil ihrer letzten Ferien vor der Einschulung bei den Großeltern in Gaarden verbrachten. Ein robustes Häuschen bauten sich die Zwillingsschwestern, Emma hatte danach immer noch nicht genug und produzierte Tisch und Stuhl dazu.
So manche und mancher kam dabei zunächst aus durchaus schnöden Motiven. „Mir war langweilig“, gesteht die elfjährige Victoria und betont zugleich, dass dies dank des Kultursommers nun gar nicht mehr der Fall ist. Hervorgetan hat sich Victoria vor allem als talentierte und phantasievolle Malerin.

Auf die Idee zu der Aktion gekommen ist der Kultur- und Kreativrat Gaarden, weil in der Bürgerbeteiligung zur Zukunft von Katzheide immer wieder mehr Angebote im Bereich Freizeit und Kreativität gewünscht wurden. Wie vorgesehen direkt auf dem Gelände des Freibads durfte der Kultursommer aber nicht ausgetragen werden, weil die Verantwortlichen der Kieler Bäder GmbH organisatorische Probleme sahen und auch Sicherheitsbedenken hegten.
Letzteres war wohl eher ungerechtfertigt. Obwohl der Alternativstandort am Eingang zum Sportpark nachts völlig ungesichert ist, gab es bisher „nicht einen Fall von Vandalismus“, freut sich Detlef Schlagheck.

Noch am Mittwoch und Donnerstag dieser Woche darf bei Katzheide jeweils zwischen 15 und 18 Uhr gewerkelt werden. Zwei Highlights gibt es dabei noch. Heute Abend um 22 Uhr läuft im Kino der auch für Erwachsene geeignete Kinderfilm „Flussfahrt mit Huhn“, am Donnerstag wird zum Abschluss gemeinsam gegrillt.

Akam Khezri, der aus dem Iran stammt, beteiligt sich mit erkennbarem Talent am Katzheider Kultursommer.

Akam Khezri, der aus dem Iran stammt, beteiligt sich mit erkennbarem Talent am Katzheider Kultursommer.

Text und Fotos von Martin Geist

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