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Zum Abschluss eine kulturelle Fusion

  • Was hat es mit der „Türkenkunst“ auf sich?
  • Müssen Kabarettisten mit fremdländischer Herkunft immer Witze über eben ihre Herkunft machen?
  • Wie prägen die zugewanderten Gaardener die Kultur im Stadtteil?
  • Und inwiefern ist das Judentum ein herausragendes Beispiel fürs Wandern als Klammer der Menschheitsgeschichte?

Mit solchen Fragen hat sich der Kultur- und Kreativrat Gaarden dieses Jahr in einer mehrteiligen Veranstaltungsreihe zur migrantischen Kultur beschäftigt.

Auch das Abschlussfest am Freitag, 3. November, im Medusa (Medusastraße 16) bleibt am Thema dran und steht unter dem Motto „Gaarden Fusion“.

Die Idee: Verschiedene Musiker aus verschiedenen Kulturen verbinden sich zu einem Konzert ohne Vorgeschichte, hören aufeinander, lassen sich aufeinander ein und schaffen Neues.

Der Eintritt ist frei.

Text: Martin Geist
Flyerdesign: Gela Schmidt

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Wenn die Heimat in den Koffer passt

Christian Walda führte kenntnisreich durchs Programm.

Christian Walda führte kenntnisreich durchs Programm.

Die Jüdische Gemeinde in Gaarden gestaltete einen bemerkenswerten Abend zur Kultur des Wanderns

Von Martin Geist

Gaarden. In der kleinen Reihe des Kultur- und Kreativrats Gaarden zur migrantischen Kultur hat die Jüdische Gemeinde Kiel und Region am Donnerstag einen Glanzpunkt gesetzt. Kenntnis- und facettenreich gestalteten Mitglieder der Gemeinde und Gäste einen Abend über das Judentum als Inbegriff einer Kultur des Wanderns.

Ein unaufgeregter Blick aufs Thema Migration kann in diesen aufgeregten Zeiten kann sehr wohltuend wirken. Christian Walda, Kunsthistoriker und ehemaliger Leiter des Jüdischen Museums in Rendsburg, leistete in seinen kurzen Erläuterungen zu den einzelnen Themen genau diesen Beitrag. „Dass so viele Menschen den Ort verlassen, an dem sie geboren sind, ist historisch eher die Regel als die Ausnahme“, stellte er fest und nannte eine Reihe von immer gleichen Gründen dafür: Hunger, Elend, Krieg, politische Verfolgung, Deportation. Verklärt ist als Waldas Sicht hingegen die heutzutage wieder wachsende

Sehnsucht nach dem als naturgegeben empfundenen Nationalstaat. Der nämlich sei eine Konstruktion des 18. und 19 Jahrhunderts und seinerseits eher die Ausnahme.

Eine wunderbare kleine Ausstellung zur ewigen Wanderschaft der Juden hatte Tamara Sorina unter dem Motto "Heimat im Koffer" zusammengetragen.

Eine wunderbare kleine Ausstellung zur ewigen Wanderschaft der Juden hatte Tamara Sorina unter dem Motto “Heimat im Koffer” zusammengetragen.

Geradezu elementar ist das Wandern laut Walda fürs Judentum, und zwar von Anbeginn an. Erst war es der Hunger, der dieses Volk trieb, dann die Sklaverei, der die Juden mit einem 40 Jahre währenden Marsch durch die Wüste entflohen, in der Folge jahrhundertelanges Dasein in der Diaspora, verstreut in alle Himmelsrichtungen und immer wieder neu durch vielerlei Vertreibungen zum Wandern gezwungen.

Eindrucksvoll veranschaulichte Tamara Sorina vom Kulturverein „Aschkenas“ dieses Motiv mit einer kleinen Ausstellung zum Thema „Heimat im Koffer“. Fotos zeigten historische Stationen dieser ewigen Wanderschaft, in einem Koffer fanden sich von der Fiedel bis zur Tora jene Gegenstände, die gerade so dort hinein passen, um – wo auch immer – ein Gefühl von Zuhause zu vermitteln.

Viktoria Ladyshenski mit Rogelach und Kuisches, süßem und herzhaften und ganz gewiss koscherem Gebäck.

Viktoria Ladyshenski mit Rogelach und Kuisches, süßem und herzhaften und ganz gewiss koscherem Gebäck.

Munter und heiter und ernst erlebte das sehr zahlreich erschienene Publikum einen Streifzug durch die jüdische Kultur. Evgeny Kosyakin brachte den Gästen die Musik nahe, Norbert Aust die Sprache und Literatur, Walda wiederum widmete sich der Religion und die Jüdische Gemeinde an sich dem Essen.

Gleichsam als roter Faden zog sich durch all diese Beiträge die Erkenntnis, dass die Kultur dieses Volkes ohne Land immer stark von der jeweiligen Umgebung geprägt ist und zugleich einen gemeinsamen Nenner hat. Das ist zuallererst die Religion, aber auch das Essen, das Walda als „zentrales Band des Volkes im Alltagsleben“ betrachtet.

Evgeny Kosyakin brachte dem Publikum die jüdische Musik nahe.

Evgeny Kosyakin brachte dem Publikum die jüdische Musik nahe.

Koscher, also rein zu sein haben die Speisen, und doch sind sie überall anders. Lassen sich die Ostjuden gefüllten Fisch schmecken, so ist es im Süden eben Falafel. So typisch untypisch ist des eben mit der Kultur nicht nur von jüdischer Prägung. „Sogar unsere gut alte deutsche Kartoffel musste erstmal irgendwann einwandern“, merkte Walda wiederum sehr unaufgeregt an.

Norbert Aust las ernste und heitere Texte zur Kultur des Judentums.

Norbert Aust las ernste und heitere Texte zur Kultur des Judentums.

 

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Die Worte in Gewändern

Katharina Kleinfeld stellt in der Galerie K34 aus

Mit Kunst aus Glas ist Katharina Kleinfeld in ganz Deutschland bekannt. Aus sehr familiärem Anlass hat sie sich nun dem beschriebenen Papier zugewandt. Alten Manuskripten ihres verstorbenen Vaters gibt sie in der Galerie K34 Formen. Leicht wirken die, zuweilen schwebend, gerade so, wie es diesem Material gebührt. Doch trotz allen figürlichen Spiels behalten auch die Worte ihren Platz.

„Wortgewand“ hat Katharina Kleinfeld ihre neue Ausstellung genannt. Besser hätte sie es nicht formulieren können, denn die Worte, die ihr im April 2016 verstorbener Vater Herbert Donner in seinem langen Professorenleben aufgeschrieben hat, wurden von seiner Tochter buchstäblich in Gewänder gekleidet. Ein Teil der Worte, um genau zu sein. Donner, der füglich als einer der bedeutendsten Publizisten in der Geschichte der Theologischen Fakultät an der Universität Kiel bezeichnet werden darf, schrieb so viel, dass schon Teile eines einzigen Buches genügen, um damit den zwei Räumen in der Gaardener Galerie eine Prägung zu geben.

Das Werk hat es allerdings in sich. Mehr als 30 Jahre arbeitete der Theologe an dem Standardtitel „Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament“, dessen von ihm herausgegebene 18. Auflage drei Jahre vor seinem Tod erschien. Die Manuskripte blieben erhalten, bis zuletzt mit einer ganz normalen Schreibmaschine verfasste Texte, die mangels hebräischer Textzeichen immer wieder handschriftlich vervollständigt werden mussten.

Katharina Kleinfeld würdigt diesen Nachlass mit ihren künstlerischen Mitteln. Ihre erste Idee war es, eine ganz Textzeile durch den schmalen, schlauchartigen Raum der Galerie mäandern zu lassen, doch das war ihr dann nicht genug. Neue Elemente sind hinzugekommen, betippte Papierstreifen formieren sich zu helixartigen Gebilden oder hangeln filigran und doch bedeutungsschwer in dunklen rechteckigen Kästchen. Im Hinterhofhäuschen der Galerie finden sich größere Arbeiten, darunter auch jene, die der Ausstellung ihren Namen gab: Ein Wortpapierkopf auf einem Sockel oder Korpus, der mit einem wie ein Talar wirkenden Gewand umhüllt ist.

 

Flatterhaft und doch bedeutungsschwer: Worte im Kasten.

Nebenbei lohnen Blicke aufs Kleingedruckte. In einer Arbeit ranken sich die Textschnipsel ums Alphabet, in einer anderen finden sich Wortaneinanderreihungen, die meist nur scheinbar einen Sinn ergeben und manchmal vielleicht doch. Wer möchte schon etwa diesem Satz widersprechen: „Umsonst nimmst du viele Arzneien.“

Katharina Kleinfeld, Wortgewand, Vernissage am Sonnabend, 7. Oktober, 19 Uhr in der Galerie K34, Medusastraße 14. Geöffnet bis zum 8. November mittwochs 15.30 bis 17.30 Uhr und donnerstags von 20 Uhr an.

Text und Fotos: Martin Geist

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