Von den Tücken der “Türkenkunst”

Kreative mit ausländischen Wurzeln diskutierten in Gaarden über Herkunft und Kultur

Reyhan Kuyumcu, im Vorstand der Türkischen Gemeinde und auch im Kultur- und Kreativrat Gaarden aktiv, war maßgeblich an der Organisation der Gesprächsrunde beteiligt.

Reyhan Kuyumcu, im Vorstand der Türkischen Gemeinde und auch im Kultur- und Kreativrat Gaarden aktiv, war maßgeblich an der Organisation der Gesprächsrunde beteiligt.

Alle sind irgendwie anders. Erst recht Künstler, deren Individualität quasi ihre Geschäftsgrundlage ist. Fallen aber Kulturschaffende, deren Herkunft nicht in Deutschland begründet liegt, noch einmal in eine besondere Kategorie des Andersseins? Diese Frage stellte der Kultur- und Kreativrat Gaarden in einer Diskussionsrunde mit beachtlichem Unterhaltungswert.

Opernhäuser zu Hochzeitssälen? Kabarettist Mushin Omurca sparte nicht mit Spott.

Opernhäuser zu Hochzeitssälen? Kabarettist Mushin Omurca sparte nicht mit Spott.

Immerhin etwa 40 Interessierte ließen sich von diesem erstmal sperrig anmutenden Beitrag zum Gaardener Kulturfrühling ins Gebäude der Türkischen Gemeinde locken. Und sie bereuten es kaum, denn dröge ging es ganz und gar nicht her. Was wesentlich ein Verdienst des Karikaturisten und Kabarettisten Mushin Omurca war. Zusammen mit Şinasi Dikmen hatte er 1986 in Ulm das Knobi-Bonbon-Kabarett gegründet, das erste deutschsprachige türkische Kabarett überhaupt.

Wobei Betroffenheitskabarett seine Sache nicht ist. So wie überhaupt die Teilnehmer der Diskussion zuweilen ihre Herkunft mit Sprüchen diskutierten, die einem derart redenden „Biodeutschen“ eher übel angelastet worden wären. Von „Türkenkunst“ sprach der Kieler Bildhauer und Maler Tamer Serbay. Und Omurca machte sich über Bemühungen lustig, die Deutsch-Türken als Opernpublikum zu gewinnen. „Das ist Eure letzte Bastion“, spottete er und warnte davor, diese Zielgruppe auf den Geschmack zu bringen: „Sie machen aus Euren Opernhäusern Hochzeitssäle.“

Saz mit anatolischer Seele. Musiker Savas Sari und der bildende Künstler Tamer Serbay.

Saz mit anatolischer Seele. Musiker Savas Sari und der bildende Künstler Tamer Serbay.

Ganz ohne Scherz scheint aber schon was dran zu sein an dem Besonderssein migrantischer Künstler. Türkische Themen aufzugreifen, „das erwartet man von mir“, sagt Omurca und gibt zu, sich „schon irgendwie in eine Sackgasse gedrängt“ zu fühlen.

Tamer Serbay, freischaffender Künstler seit 1982, kennt solche Erwartungshaltungen ebenfalls. Im Prinzip wenigstens, denn persönlich hat er sich stets dagegen verwahrt, für die „Türkenkunst“ vereinnahmt zu werden. Nicht als typisch türkisch soll seine Arbeit gesehen werden, sondern schlicht und einfach als Kunst. Serbay konnte sich durchsetzen und ist froh darüber. „Wenn man den Stempel erst einmal hat, ist man leicht raus“, beschreibt er die letztlich existenzielle Gefahr solcher Kategorisierung.

Moderator Christoph Krieger, Mushin Omurca, Savas Sari, Tamer Serbay und Momen Saweesh (von links) diskutierten über Herkunft und Kultur.

Moderator Christoph Krieger, Mushin Omurca, Savas Sari, Tamer Serbay und Momen Saweesh (von links) diskutierten über Herkunft und Kultur.

Savas Sari, Sozialarbeiter und Musiker, betrachtet sich selbst „höchstens als Hobby-Künstler“. Und ist überzeugt, dass die Herkunft im Ausdruck und in der Wirkung von Kultur eine nicht zu leugnende Rolle spielt. Die Saz zu spielen, hat er einst vom Vater gelernt. Einem Gastarbeiter, wie es damals hieß, der immerzu traurige Lieder aus der Heimat spielte. Am Sohn bleibt es bis heute hängen, dieses „Gefühl von Heimat und Identität“, das in jedem Ton der Saz mitschwingt. So geht es offenbar nicht nur ihm. Wenn er vor Publikum spielt, äußern die Deutschstämmigen fast immer „positive Resonanz“, sagt Sari. „Wirklich berührt sind aber nur die Anatolier.“

Noch einmal anders sieht es für Momen Saweesh aus. Erst vor zwei Jahren ist er aus Syrien geflüchtet, aber er ist jung. Kaum älter als 20, saugt er die Einflüsse auf wie ein Schwamm, macht heute eine „ganz andere Musik“. Mit seiner Oud, der arabischen Version der Saz, will er zwar den Deutschen ein Stück Kultur seiner Heimat vermitteln. Zugleich will er aber das Neue aufnehmen, sich selbst entwickeln. Inzwischen versteht sich der junge Syrer, der mit der „Safar“-Band in Kiel beachtliche Bekanntheit erlangt hat, konsequenterweise eher als Weltmusiker. Bald wohl werden er und seine Mitspieler das erste norddeutsche Volkslied ins Repertoire aufnehmen – nicht nachspielend, sondern kulturell übersetzend selbstredend.

Dirk Hoffmeister vom Kultur- und Kreativrat Gaarden begrüße die Texte.

Dirk Hoffmeister vom Kultur- und Kreativrat Gaarden begrüßte die Texte.

Mushin Omurca hat unterdessen längst seinen Frieden geschlossen mit den türkischen Themen. Der Mann, der immer wieder in Finnland auftritt und das auch schon in Japan tat, betrachtet die Herausforderung des Umgangs mit den irgendwie Anderen ohnehin als universelles Thema. Für ihn ist das Türken-Motiv eben die Klammer, in die er alles hineinpackt, worüber er sich äußern möchte; Liebe, Geld, Glück, Politik. Seine künstlerische Zwischenbilanz formuliert der unter anderem mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnete Kabarettist so: „Ich habe mich nie gefühlt, als ob ich mit meinen Themen in der dritten Liga spielen würde.“

Text und Fotos von Martin Geist

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Gespräche über Kultur und Herkunft

In keinem anderen Kieler Stadtteil treffen so viele Kulturen aufeinander wie in Gaarden. Was aber bedeutet das? Gibt es überhaupt eine migrantische Kultur? Oder ist es einfach nur so, dass die Herkunft hierzulande, ähnlich wie es im Schulsystem der Fall ist, maßgeblich auch den Erfolg oder Misserfolg auf Bühnen und in Galerien beeinflusst?

Diese und andere Fragen werden am Montag, 8. Mai, von 18 Uhr an auf Einladung des Kultur- und Kreativrats Gaarden in den Räumen der Türkischen Gemeinde am Vinetaplatz diskutiert. Mit dabei sind Mushin Omurca (Bild), unter anderem mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichneter Kabarettist und Karikaturist, der Musiker und Pädagoge Savas Sari, der Bildhauer und Maler Tamer Serbay, der Musiker Momen Saweesh und der Künstler und Kurator Detlef Schlagheck.

Text: mag Martin Geist

Die Musen der Anderen - Migranten und Kultur

Die Musen der Anderen – Migranten und Kultur

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Wandernd auf dem Weg zur Kunst

Projekt der Schlecker-Galerie beginnt am Sonntagabend mit einem Konzert

Gaarden. Wandern, das war die erste Art des Reisens und wurde erst später zur körperlich, seelisch oder wie auch immer erbaulichen Freizeitbeschäftigung. Um beides geht es in einem neuen Projekt der Schlecker-Galerie in Gaarden. Vier Künstler gehen auf Wanderschaft, um sich Schritt für Schritt mit dem Thema Flucht auseinanderzusetzen. Und auch, um hernach eine Ausstellung daraus zu entwickeln.

Momen Shaweesh ist viel gewandert auf seiner Flucht von Syrien nach Deutschland. Das hat Tradition in der Familie, erzählt er: „Meine Großeltern sind schon von Palästina nach Syrien gewandert.“ Womit zugleich ein durchaus universeller Aspekt dieser Art der Fotbewegung beschrieben wäre, denn die Leute haben immer und überall ihr Ränzlein geschnürt in der Hoffnung, es anderswo besser zu haben.

Am Ostermontag bricht der Musiker Momen Shaweesh zusammen mit den bildenden Künstlern Vladimir Seleznyov und Andrey Syaylev aus Russland sowie Kurator Detlef Schlagheck zu einer viertägigen Wanderung in Kiel und Umgebung auf. Es soll eine Wanderung zwischen Persönlichkeiten werden, aber auch zwischen den Kulturen, zwischen den durch Flucht oder andere Geschehnisse geprägten Erfahrungen, auch zwischen den verschiedenen Formen der Kunst.

Danach haben die Wanderer bis zum 27. April Zeit, um eine Ausstellung zu gestalten, die unter dem Motto „Wanderungen#1“ in der Schlecker-Galerie des Künstlervereins K34 gezeigt wird. In welcher Weise und wie stark dabei das Thema Flucht eine Rolle spielt, bleibt erstmal offen. „Das ist die Sache der Künstler“, meint Detlef Schlagheck, der sich bewusst für den weniger dramatischen Begriff des Wanderns entschieden hat. Seine Erfahrung in Begegnungen mit Geflüchteten wie Momen Shaweesh hat ihn gelehrt, dass Trauer um den Verlust der Heimat oder Traumatisierung längst nicht immer die große Rolle spielen: „Das sind ganz normale Menschen wie wir alle.“

Am Abend vor Beginn der Wanderung, Ostersonntag, 20 Uhr, stellt die K34 ihr Projekt in der Schlecker-Galerie am Vinetaplatz vor. Gegen 21 Uhr geben Momen Shaweesh und seine „Safar Band“ ein Losgehkonzert, in dem jede Menge Weltmusik steckt.

Text und Foto: Martin Geist

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